Blog vom 8.2.2013

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Heute lege ich den Maulkorb definitiv ab

Oder: Warum ich mich weigere, nur ein Schweizer zu sein. Die Schweiz ist keine Insel, und ich bin kein Insulaner. Im Gegenteil!

Sie werden lachen: Ich komme nicht von „hinter dem Mond“, sondern von „vor dem Wald“. Vordemwald ist ein intaktes Dorf, fünf Kilometer westlich von Zofingen. Es umfasst ziemlich genau 10 Quadratkilometer Land und hat 1700 Einwohner, davon etwa 70 Ausländer oder also 4 Prozent. Es gibt in diesem Dorf (gemäss Website) 24 registrierte Vereine. Hier kann man leben. Es ist – fast – alles im Einklang.

Als „Vorewäldler“, wie man es hier ausspricht, bin ich auch Aargauer, ob ich es sein will oder nicht. Der Kanton Aargau ist flächenmässig 140 mal grösser als das Dorf Vordemwald, hat 620’000 Einwohner oder also 365 mal mehr als unser Dorf, davon sind 142’000 Ausländer, also 23 Prozent. Trotzdem, auch der Aargau gefällt mir. Er hat ein bisschen von Allem: weite Felder, sanfte Hügel, aber auch steile Felsen. Er hat mit Aare, Reuss und Limmat drei markante Flüsse, mit dem Hallwilersee eine liebliche Seenlandschaft. Er hat malerische Kleinstädte wie Mellingen oder Kaiserstuhl und unförmige Agglo-Städte wie Wettingen oder Spreitenbach. Er hat Gegenden, die mehrheitlich katholisch sind, etwa das Freiamt, und Gegenden, die mehrheitlich reformiert sind, etwa der Oberaargau, aber auch zwei geschichtsträchtige Judendörfer, Lengnau und Endingen. Nur Atomkraftwerke (Beznau I, II und Leibstadt), Autobahnen (A1, A2 und A3) und SVP-Wählende (32 Prozent) hat es, für meinen Geschmack, etwas gar viel. Aber noch kann man hier ganz gut leben.

Als Aargauer bin ich auch Schweizer, ob ich will oder nicht. Die Schweiz ist knapp 30 mal grösser als der Aargau und hat mit 8 Millionen Einwohnern etwa 13 mal mehr als der Kanton Aargau. 23 Prozent davon sind, auch hier, Ausländer. Zu bieten hat die Schweiz aber bereits deutlich mehr als Dorf Vordemwald und der Kanton Aargau. Die Schweiz beherbergt Menschen verschiedener Sprachen und unterschiedlicher Kulturen, hat eine eigene Geschichte, eine eigene Identität. Ja, hier lässt sich gut leben.

Und dann? Kommt dann die grosse Mauer rund um die Schweiz, die das Land gegen aussen schützt, so, wie die Stadtmauern im Mittelalter die Städte geschützt haben? Oder wie die Chinesische Mauer, die auf 6700km Länge China vor den Mongolen hätte schützen sollen?

Nein! Auch die Schweiz ist nur ein Teil einer grösseren Einheit. Es sind noch keine 200 Jahre her, seit die Schweizer Grenzen mit den europäischen Grossmächten am Wiener Kongress 1815 ausgehandelt worden sind und so, wie sie heute liegen, der Schweiz von den umliegenden Grossmächten zugestanden wurden!

Ich bin – auch – ein Europäer

So bin ich eben als Schweizer auch ein Europäer, ob ich will oder nicht. Die Schweiz hinter Mauern könnte mitnichten unabhängig – als Selbstversorger – funktionieren. Sie exportiert jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 200 Milliarden Franken. Das sind 25'000 Franken pro Kopf! Und sie importiert jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 180 Milliarden Franken, 22'000 Franken pro Kopf! Ein Drittel von allem, was wir in der Schweiz produzieren, von der Schokolade bis zur KKW-Turbine, geht ins Ausland, ein Drittel von allem, was wir in der Schweiz kaufen, vom Hühnerei bis zum Militärhelikopter, kommt aus dem Ausland. Und 80 Prozent dieses gigantischen Waren-Austausches findet mit Europa statt.

Aber auch um Europa herum gibt es keine Mauer. Rund 700 Millionen Menschen der auf 7 Milliarden Menschen geschätzten Weltbevölkerung leben in Europa, in jenem Teil des eurasischen Kontinents, den wir – mehr historisch-kulturell als geographisch bedingt – als eigenen Erdteil bezeichnen. Ja, rein wirtschaftlich könnte sich Europa vom Rest der Welt abkoppeln. Aber es würde nicht lange funktionieren, denn

  • die Weltmeere sind schon beinahe leergefischt. Davon betroffen ist auch Europa.
  • Erdöl, Erdgas, Uran und andere Energie-Rohstoffe sind begrenzt. Davon betroffen ist auch Europa.
  • die Erwärmung der Erdatmosphäre ist messbar und bringt gewaltige Veränderungen mit sich. Davon betroffen ist auch Europa.
  • Die Radioaktivität, stamme sie nun von Reaktorunfällen oder gar von Atombomben, hält sich an keine Grenzen. Davon betroffen ist – im Ernstfall – auch Europa.
  • Krankheitserreger können nicht nur durch Menschen, sondern auch durch Tiere weltweit übertragen werden. Davon ist – vielleicht schon morgen – auch Europa betroffen.

Genug der Beispiele.

Als „Voremwäldler“ bin ich auch Aargauer. Als Aargauer bin ich auch Schweizer. Als Schweizer bin ich auch Europäer und als Europäer bin ich auch ein Weltbürger.

Nur: Als „Voremwäldler“ kann ich im Dorf politisch mitreden und mitentscheiden, zum Beispiel den Gemeinderat wählen. Als Aargauer kann ich politisch mitreden und mitentscheiden, zum Beispiel den Grossen Rat und den Regierungsrat wählen. Als Schweizer kann ich politisch mitreden und mitentscheiden, zum Beispiel die beiden Kammern des Parlamentes wählen. Auch die Regierung kann ich selber wählen, auch wenn ich meine Stimme dazu an die von mir gewählten Parlamentarier delegiert habe; sie kennen geeignete Kandidaten besser als ich.

Und in Europa?

Die Schweiz bringt es fertig, vor Europa einfach und konsequent die Augen zu schliessen. Nachdem es der einen Partei – nicht zuletzt dank dem grossen Geld und den rhetorischen Qualitäten ihres Partei-Strategen Christoph Blocher – gelungen ist, die Europäische Union in Grund und Boden zu verdammen und die Ausländer als Ursache allen Übels zu deklarieren, ist das Thema Europa auch bei den anderen Parteien und auf allen Stufen der politischen Entscheidungsfindung schlicht und einfach tabu. Wir machen zwar bei ganz vielen europäischen Regelungen schon mit – freiwillig oder von aussen erzwungen. Aber selber mitdiskutieren zu dürfen, eigene Erfahrungen und Ideen einzubringen, in Europa auch Mitverantwortung zu übernehmen, darauf verzichten wir, ohne jeden plausiblen Grund. Aber willentlich.

In der Schweiz heute von Europa zu reden, ist, wie es die auf Stimmenfang ausgerichteten Politiker nennen, „nicht opportun“. Für Viele ist es fast schon ein Landesverrat. Der einen Partei ist es gelungen, uns richtiggehend einen Maulkorb zu verpassen: den Parteien, den Parlamentariern, der Regierung. Und tatsächlich: auch die Schweizer Regierung, der Schweizer Bundesrat, dem wir über unsere Wahlzettel einen Führungsauftrag erteilt haben, hat sich so sehr einschüchtern lassen, dass selbst eine Diskussion zum Thema Europa weit weit weg geschoben wird.

Die Erfahrung sagt Alles

Wie war es doch mit der Sommerzeit? Sie wurde im Jahr 1978 bei einer Volksabstimmung klar verworfen. Schon im Jahr 1980 aber wurde sie vom Parlament fast notfallmässig wieder eingeführt, da es sich die Schweiz schlicht nicht leisten konnte, mitten in Europa eine Zeitinsel zu sein.

Und wie war es mit der 28-Tonnen-Gewichtslimite auf Schweizer Strassen? Plötzlich, im Jahr 2001, war sie weg, zugunsten der 40-Tonnen-Limite – auf Druck der umliegenden Länder.

Und wie ist es mit dem Bankgeheimnis? Gegenüber den USA ist es weg. Freiwillig? Gegenüber den europäischen Ländern führt die Schweiz noch Rückzugs-(Schein)-Gefechte – ohne jede Aussicht auf Erfolg. Gegenüber den afrikanischen Ländern, ja, da geben wir uns selbstbewusst und halten am Bankgeheimnis fest...

So kann es nicht weitergehen

Es ist ziemlich unerträglich geworden. Lasst uns endlich wieder frei reden – auch über Europa. Warum sollen wir Schweizer, die wir doch so stolz sind auf unsere Freiheit, weiterhin einen Maulkorb tragen wie ein Mops in der Strassenbahn? Umgehängt von Politikern, die gerne auf die Mythen von vor 700 Jahren zurückgreifen, die Geschichte der Schweiz der letzten 200 Jahre aber total ignorieren?

Das Thema Europa gehört auf den Tisch. Nicht nur auf den Stammtisch im Restaurant Wilhelm Tell irgendwo im Berner Oberland, sondern auch auf den Sitzungstisch, wo ernsthaft über unsere Zukunft diskutiert wird. Zum Beispiel auch in Bern, im Bundesrat. Und an den Sitzungen der Partei-Strategen. Denn auch in Europa wollen und müssen wir mitreden können!

Und das Thema Welt?

Immerhin: Die Schweiz ist seit dem Jahr 2002 Mitglied der UNO. Und so ganz zaghaft versucht die Schweiz auch, dort mitzureden. Einen kleinen Vorstoss zur Reform der Arbeitsmethoden im UNO Sicherheitsrat zum Beispiel hat die Schweiz, zusammen mit vier anderen kleinen Staaten, an der Generalversammlung im Mai 2012 eingebracht. Aufgrund des Widerstandes der USA wurde der Antrag aber noch vor der Abstimmung zurückgezogen.

Auch hier gilt es also, aktiv mitzuarbeiten. Die UNO, die zu oft vom Sicherheitsrat mit dem anachronistischen Veto-Recht der fünf WKII-Siegermächte blockiert wird, muss zwingend demokratischer werden. Solche Reformen aber werden nur auf Druck hin angepackt werden – auf Druck von möglichst vielen Ländern. Auch da sind wir Schweizer gefordert!

Die Weltföderalisten Schweiz versuchen, für diese Sache Kräfte zu sammeln. Helfen Sie mit!

Christian Müller, Präsident

(PS: Vordemwald ist zwar mein Heimatort und ich habe dort auch schon mal eine 1.-August-Rede gehalten. Aber aufgewachsen bin ich in einer anderen Ecke des Kantons. Und heute lebe ich manchmal in der Schweiz, manchmal in Italien und manchmal in Ostmitteleuropa. Als Europäer halt.)

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Kommentare (3)

1. Beatus Gubler Projekte www.streetwork.ch Basel (Webseite) 28/08/2013

Schön, gefällt mir, würde mich freuen wenn Jean Ziegler und Hans Küng, (Projekt Weltethos) sowie Peter Zihlmann und Marshall Rosenberg (Non-Violence Projekt) ebenfalls dabei wären. Aber wer weiss, was nicht ist kann ja noch kommen. Und dann braucht es noch sehr, sehr viel Geld, und sehr gute Anwälte. Denn je erfolgreicher ihr werdet, umso mehr werdet ihr angegriffen, oder man wird versuchen euch zu kaufen. Ich war zu oft vor Gericht, und zu oft versuchte man mich mundtot zu machen, aber was solls, ich mache sogar weiter mit dem Labtop auf dem Krankenlager. Ich brauche nicht mal das Gefühl von Hoffnung um weiter zu machen, es geht auch ohne. Die Ungerechtigkeit ist der Welt Krankheit, die Elite der Oligarchen ist das Grundübel, welche nur die kleinen unwichtigen Entscheidungen der Demokratie überlassen. Leider will dies fast niemand wahrhaben. Es sollten sich alle Ethischen überkonfessionellen Projekte der Welt vereinigen, das wäre eine Macht. Mit dieser Macht alle Banken verstaatlichen, weltweites Grundeinkommen, eine weltweite Verfassung, basierend auf den Menschenrechten, Abschaffung der Nationen, globales Denken und Handeln, Enteignung eines jeden stillstehenden Kapitals, welches eine gesunde Reserve übersteigt. Enteignung aller Edelmetalle und Grundstücke, alles was von der Erde oder Erde ist gehört allen. Einführung einer Geniokratie, nur wer eine Schulung in Ethik absolviert und deren Prüfung bestanden hat, sich also den Genius erworben hat, erhält das Recht abzustimmen. Vollständige Trennung von Politik, Wirtschaft und Religion. Kein Berufspolitiker darf in irgendwelche wirtschaftliche Interessen involviert sein, u.s.w. Doch was rede ich hier, es sind Dinge die ohnehin seit 100 Jahren jeder weiss, dass dies die einzige bessere Lösung wäre als dieses ständige Monopoly-Spiel mit der Welt, welches jeden Tag 20'000 Kinder verhungern lässt. Ich drücke euch die Daumen, einige sind mir ja vom Infosperber schon bekannt, mit vielen guten Beiträgen. Gruss Beatus Gubler

2. Walter Ott (Webseite) 20/02/2013

Sie sprechen aus meinem Herzen und das tut mir gut. Es ist ein Gegengewicht zum stetigen Jammern über Europa, das ich so oft am Radio hören muss (und das manchmal bei mir zum Ausschalten des Radios führt).

3. Max Geiger 15/02/2013

Maulkorb weg. Prima. Übrigens ich habe schon seit 1997 einen Weltbürgerpass.
Mit Dank und Gruss Max

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