Robert Menasse - öffentliche Lesungen

 
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Robert Menasse kam in die Schweiz

Die Schweiz kommt im Buch von Menasse über Brüssel und EU nicht vor, sein Thema ist aber für uns ebenso aktuell wie für die EU-Mitglieder, und ebenso brisant. Auch hier sollte endlich über Europa eine Debatte möglich sein. Das Thema Europa und EU einfach zu tabuisieren, nur weil es partei- und wahlpolitisch im Moment inopportun ist, zeugt nicht von einem besonders hohen Niveau demokratischer Auseinandersetzung.

Auf Einladung einiger übernational interessierter und engagierter Organisationen (NEBS, YES, foraus, Weltföderalisten, u.a.) kam deshalb Robert Menasse persönlich angereist:

 

 

Europa ist unsere Zukunft, nationale Grenzen haben sich überlebt

 «Wenn ein Land ein neues Gesetz einführt, ist das ganz normal, jeder akzeptiert das und hält sich daran, weil es eben ein neues Gesetz ist. Kommt ein neues 'Gesetz' aber aus Brüssel, schreiben die Medien über die 'Regulierungswut von Brüssel'».

Robert Menasse, der Wiener Schriftsteller, ist ein scharfer Beobachter und genauer Zuhörer. Er recherchiert, bringt Fakten, und er will diese dann auch so verstanden haben, nicht einfach als «Meinung». Am vergangenen Donnerstag referierte er im Volkshaus Basel. Und die interessierten Leute kamen zahlreich, nicht nur, weil der renommierte Geschichtsprofessor Georg Kreis die Veranstaltung moderierte, nicht nur, weil mit nebs, yes, foraus, Weltföderalisten Schweiz, SGA, dem EUROPAINSTITUT und dem Österreichischen Kulturforum gleich mehrere Organisationen eingeladen hatten. Nein, auch weil Basel im Dreiländereck Schweiz/Deutschland/Frankreich das richtige Biotop ist, um den Anachronismus nationaler Grenzen sichtbar zu machen. Nicht zufällig gehörte deshalb auch die REGIO BASILIENSIS zu den Organisatoren des Menasse-Abends, jene Organisation also, die sich als Schweizer Partner um die transnationalen Dinge in der Region Oberrhein kümmert.

Die EU ist ein Friedensprojekt

Das grosse Anliegen Robert Menasses ist es, mit den  vielen verbreiteten, aber eben falschen Klischees zur EU definitiv aufzuräumen. So etwa hat er die Entstehungsgeschichte der EU aufgrund der Protokolle und anderer Dokumente in einem mehrmonatigen Aufenthalt in Brüssel genau studiert. Die EU wurde nicht als Interessenverband der europäischen Grosskonzerne gegründet, im Gegenteil. Die Wirtschaft war schon damals, im Vorfeld der Römischen Verträge von 1957, gegen die Idee einer Union, weil sie in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg von fetten Staatsaufträgen lebten und die Konkurrenz aus anderen Staaten fürchteten. Die Initianten der Idee eines geeinigten Europa agierten aus der persönlichen Erfahrung heraus, innerhalb eines Menschenlebens vier europäische Kriege (1866, 1871, 1914/18 und 1939/45) miterlebt zu haben. Gerade aber weil das Friedensprojekt eines geeinigten Europa heute, sechzig Jahre nach dem Beginn, per saldo ein grosser Erfolg ist, fehlt den heutigen Politikern diese Lebenserfahrung – «Wir haben ja Frieden in Europa; ein Krieg ist nicht in Sicht» – und sie engagieren sich nicht mehr für dieses gemeinsame Europa – ein Europa der Vielfalt notabene – , sondern pflegen sich im nationalen Bereich zu profilieren, dort, wo sie eben gewählt wurden und wieder gewählt werden wollen. Und nicht selten profilieren sie sich genau mit dem Gegenteil des europäischen Gedankens, nämlich mit der vermeintlichen «Leistung», sich gegen die europäische Vereinnahmung erfolgreich gewehrt zu haben – mit Nationalismus.

Nein, was Robert Menasse in einem stündigen Referat an Wissen, an Hinweisen auf historische Zusammenhänge und geschichtlichen Fakten dem Publikum vortragen kann, das lässt sich in einer kurzen Veranstaltungsbesprechung nicht wiedergeben: die sogenannte Finanzkrise und ihre Ursache, die Absurdität der nationalen Grenzen in einer total globalisierten Welt, das gänzlich falsche Image der sogenannten Brüsseler Beamten, die verheerende Rolle des Rats, Griechenland, etc, etc.

  Menassekreis20131121web       Auch in der anschliessenden Diskussion war es nicht einfach, den in Fahrt gekommenen Referenten zu bremsen – selbst nicht für Moderator Georg Kreis(links im Bild). Wir lassen dem kurzen Bericht hier aber eine Rede folgen, die Menasse im September in Potsdam/Berlin gehalten hat und die in schriftlicher Form vorliegt, siehe unten.

 

Eine Rezension seines Buches "Der europäische Landbote" findet sich auf unserer Website. 

Kein Sponsor für den Apéro

Dass das Projekt Europa gerade nicht primär ein Anliegen der Wirtschaft ist, das kam in Basel auch konkret zum Ausdruck: für den der Diskussion folgenden Apéro für die Herbeigeströmten war kein Sponsor gefunden worden. Etliche angefragte Firmen lehnten ab mit dem Verweis, das Thema Europa sei zur Zeit nicht opportun...

Trotzdem: Der in jeder Hinsicht spannende Abend in Basel endete mindestens für Menasse, für Georg Kreis, für einige Vertreter der Österreichischen Botschaft und einige Vertreter der einladenden Organisationen, in aufgeräumter Stimmung und spät: um 00.30 Uhr. Aber auch dann nicht etwa, weil der Diskussionsstoff ausgegangen wäre, und auch nicht, weil der Grüne Veltliner zur Neige ging, sondern weil das Parkhaus Räbegass um 00.30 Uhr dicht macht und auch das Restaurant der nahenden Polizeistunde wegen auf ein Ende drängte. Basler Beschränkungen notabene, die sich Basel selbst auferlegt hat und die nicht aus Brüssel stammen... 

Auch in Bern, Zürich und Luzern 

Ähnliche Veranstaltungen hatten am 18. November im Volkshaus Bern und am 19. November im Literaturhaus Zürich stattgefunden. In Luzern, wo Menasse am 20. November an der Universität hätte referieren sollen, waren neben Sebastian Heselhaus, dem Professor für Europarecht, so wenige Studenten gekommen, dass die ganze «Übung» gleich ins Fumoir der Havanna Bar an der Ecke Hirschmatt-/Habsburgerstrasse verlegt wurde – mit dem Vorteil, dass aus dem öffentlichen Referat ein intimeres und umso interessanteres Gespräch entstehen konnte. «La vida es el arte del encuentro», das Leben ist die Kunst der Begegnung, würde man in Havanna nach einem solchen Abend im «Havanna» sagen. Der Abend war, in einem Land, in dem sich die Politikerinnen und Politiker weigern, über einen Beitritt ihres Landes zur Europäischen Gemeinschaft auch nur schon zu debattieren, in jeder Hinsicht bereichernd. 

Übrigens: Robert Menasse ist keine kleine Nummer. Einzelne seiner zahlreichen Bücher wurden in bis zu 16 andere Sprachen übersetzt. Die Schweizer Mainstream-Medien allerdings kennen ihn nicht – oder wollen ihn nicht kennen. Über seine vier Auftritte letzte Woche in der Schweiz hat keine Zeitung der deutschen Schweiz berichtet.                     Menasse20131121web2         

 

 

Christian Müller dankt Robert Menasse für die Erlaubnis, seinen Vortrag «Zukunftsmusik» in voller Länge wiedergeben zu dürfen. Hier als pdf zum Downloaden.