Robert Menasse

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Robert Menasse

geboren 1954 in Wien

Schriftsteller und Essayist, er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft.

 

Robert Menasse erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hölderlin-, Doderer, Breitbach-, Feuchtwanger-, Kaschnitz-, Friedl-Preis und den Österreichischen Kunstpreis für Literatur. Für sein Werk "Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder wieso die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss" erhielt Menasse u.a. den "Heinrich-Mann-Preis" von der Akademie der Künste, Berlin, und "Das politische Buch", der jährlich verliehene Literaturpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Förderung wichtiger, politischer Literatur.

Eine Rezension seines Buches "Der Europäische Landbote" ist am 2.11.2013 auf der Informationsplatform www.infosperber.ch erschienen.

 

«Brüssel» und die Wut der Bürger


Christian Müller / 01. Nov 2013  -
Was herauskommt, wenn ein Wiener nach Brüssel fährt, um den dortigen Mief zu beschreiben. Eine Überraschung.

Wer das Wort «Landbote» hört, denkt hierzulande, in der Schweiz, zuerst einmal an Winterthur. Jeder weiss, dass es einen Winterthurer Landboten gibt, eine regionale Tageszeitung, schon weil diese just vor ein paar Wochen vom Medienkonzern Tamedia geschluckt worden ist. Südlich von Bern mögen einige auch noch den «Berner Landboten» kennen, einen wöchentlich erscheinenden Anzeiger, mit viel Inseraten und wenig Text. Und wer sogar im Internet nach einem Landboten sucht, findet auch noch den «Woldegker Landboten», eine «Heimatzeitung mit amtlichen Bekanntmachungen» im deutschen Amt Woldegk-Strelitz, etwa 150 km nördlich von Berlin, auf halbem Weg zur Ostsee.

Wahrhaftig, Robert Menasse, der österreichische Romancier und Sachbuchautor, macht es einem nicht leicht. Da schreibt er doch, zum xten Mal, ein Buch und gibt ihm den Titel «DER EUROPÄISCHE LANDBOTE». Warum, um Gottes Willen, soll ich sowas lesen?

Ich habe es trotzdem getan, auf Empfehlung eines Kollegen, und ich bin ihm dankbar für den Tipp. Denn was der österreichische Intellektuelle hier zusammenträgt, brillant formuliert, sachlich überzeugend, überraschend zukunftsgläubig: Es macht einfach Spass, die gerademal hundert Seiten zum Thema «Die Wut der Bürger und der Friede Europas» – so der Untertitel des Buches – zu lesen.

Brüssel oder «Brüssel»?

Brüssel. Ein Reizwort. So war es auch für Robert Menasse. Er mietete sich dort für ein paar Monate eine Wohnung, um den Brüsseler Mief aus nächster Nähe kennenzulernen – als Background für einen neuen Roman, den zu schreiben er vorhatte. Aber er fand, zur eigenen Überraschung, dort keine langweiligen Bürolisten, keine Hausschuhe tragenden Beamten, sondern interessante, hellwache Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, brisante Themen diskutieren, Konzepte entwerfen. Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, über die nationalen Nabelschau-Diskussionen hinauszublicken, die Probleme unserer globalisierten Welt vorurteilslos, kritisch und kreativ anzugehen, für Europa, in der Wirtschaftsmühle zwischen den Grossmächten USA und China, neue Spielregeln zu entwickeln.

... im Büro, an der Bar, in der Beiz

Menasse ging mit diesen Architekten eines neuen Europas – eines Europas der sprachlichen und kulturellen Vielfalt notabene! – ins Gespräch: in deren Büros, vor allem aber auch an der Bar und in der Beiz, privat sozusagen, ausserhalb der (überwachten) Förmlichkeit offizieller Besprechungsräume. Dabei fand der scharf beobachtende Autor auch die Ursache des schlechten Rufes von «Brüssel». Es sind keineswegs die «langweiligen» Beamten. Im Gegenteil. Es sind die Regierungs-Chefs, die regelmässig in Brüssel zusammenkommen, und die nach gehabter Konferenz nach Hause jetten, um ihren Wählerinnen und Wählern zuhause mit wehenden Fahnen zu verkünden, wie erfolgreich sie den neusten Brüsseler Angriff auf ihre nationale Souveränität abgewehrt haben. Klar, sie müssen zuhause wiedergewählt werden, diese Regierungs-Chefs, nicht in Brüssel. Und etwas verhindert zu haben, ist mittlerweile ja immerhin schon so etwas wie ein Leistungsausweis...

Es müssen nicht immer 300 Seiten sein

Hundert Seiten leicht leserlicher Text, eine gute Stunde oder zwei genügen, sie zu lesen – eine kurze, aber gut investierte Zeit. Für jedermann. Für politisch Interessierte sowieso. Vor allem aber für all jene, die «Brüssel» nur als Symbol für Standardisierung und Zentralisierung, für Beamtentum und Leerlauf kennen. Für all jene, die das Wort «Brüssel» nur noch als Synonym für ein administratives Monster kennen – gelernt aus den sich selber und auch gegenseitig wieder und wieder kopierenden Mainstream-Medien.

Und warum dann «DER EUROPÄISCHE LANDBOTE»?

So leichtfüssig der Romancier Robert Menasse schreiben kann, so schwerwiegend überschätzt der Intellektuelle Robert Menasse das historische Wissen seiner Leserinnen und Leser. Denn wer kommt denn schon auf die Idee, dass der «Europäische Landbote» eine Anspielung auf den «Hessischen Landboten» ist, jene achtseitige politische Kampfschrift, die der deutsche Dichter, Naturwissenschaftler und Revolutionär Georg Büchner im Jahr 1834 geschrieben und mit ein paar Gesinnungsgenossen heimlich gedruckt und verteilt hat: «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» Auflage nicht über 2000, davon viele Exemplare von der Polizei noch vor der Auslieferung konfisziert, aber – vielleicht gerade deshalb – hoch beachtet. (Büchner suchte danach in der Schweiz Schutz vor politischer Verfolgung, avancierte an der Universität Zürich zum Dr.phil. in Naturwissenschaften, starb aber, noch nicht einmal 24jährig, am 19. Februar 1837 an einer Typhus-Infektion. Sein Grab kann auf dem sogenannten Germania-Hügel in Zürich-Oberstrass noch immer besichtigt werden.)

Das Thema Europa ist in der Schweiz tabu. Der «Georg Büchner», der es wagt, eine revolutionäre Streitschrift nächtens zu drucken und zu verteilen, ist im Lande Tells und Blochers nicht in Sicht. Aber im Buchladen ist sie erhältlich, diese Streitschrift: Robert Menasse; Der Europäische Landbote. Für weniger als 20 Franken.

Menasse kommt in die Schweiz

Die Schweiz kommt im Buch von Menasse nicht vor, sein Thema ist aber für uns ebenso aktuell wie für die EU-Mitglieder, und ebenso brisant. Auch hier sollte endlich über Europa eine Debatte möglich sein. Das Thema Europa und EU einfach zu tabuisieren, nur weil es partei- und wahlpolitisch im Moment inopportun ist, zeugt nicht von einem besonders hohen Niveau demokratischer Auseinandersetzung.

Auf Einladung einiger übernational interessierter und engagierter Organisationen (NEBS, YES, foraus, Weltföderalisten, u.a.) kommt deshalb Robert Menasse persönlich angereist, um einem hellhörigen Publikum – so es dieses denn hierzulande gibt – aus seinem Buch etwas vorzulesen und in der anschliessenden Diskussion Stellung zu beziehen. Das dürfte interessant werden. In Basel etwa wird die Veranstaltung von Georg Kreis moderiert, dem weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannten Basler Professor für Neuere Allgemeine Geschichte.

Hier die Daten der öffentlichen Lesungen:

In Bern, am 18. November, Restaurant Schmiedstube, Schmiedenplatz, 19 Uhr

In Zürich, am 19. November,Literaturhaus Limmatquai, Limmatquai 62, 19 Uhr

In Luzern, am 20. November, Universität, Frohburgstrasse 3, 19 Uhr

In Basel, am 21. November, Volkshaus Basel, Rebgasse 12, 19:30 Uhr

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Robert Menasse: "Die EU-Klischées sind alle falsch". Aus SRF 4 News Aktuell vom 27.03.2013, 07:47 Uhr

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Die europäische Zukunft steht noch bevor

Robert Menasse erkennt in der gegenwärtigen Krise eine Chance zur demokratischen Katharsis.

NZZ vom 4. Oktober 2012.

Erhältlich ist das Buch "Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss" beispielsweise bei Buchhaus.ch.

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