Europa - von aussen gesehen, Gedanken unseres Präsidenten

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Noch verstehen sie nichts von der Politik: Strahlende Kinderaugen am 2. Januar 2014 in Uzhgorod. © cm

 

Während sich die EU-Europäer in Selbstkritik zerfleischen, werden sie von aussen bewundert und begehrt.

Ein Augenschein unseres Präsidenten vor Ort (Transkarpatien, Ukraine).

Europa: von aussen gesehen

Wenigstens die Architekten wissen es: Um ein Haus, eine Kirche, welches Gebäude auch immer, beurteilen zu können, muss man es von innen und von aussen betrachten.

Das gleiche gilt, selbstredend, für politische «Gebäude», Gebilde, Wohn- und Lebensräume. Man kann im Innern sitzen und alles von innen betrachten, belobigen, kritisieren, aber man soll auch hinausgehen, das Ganze auch von aussen anschauen, im Umfeld von anderen «Gebäuden», von anderen Gebilden.

Die EU von innen...

Was lese ich nicht täglich Schreckliches über Europa, über die EU im Allgemeinen und über Brüssel im Besonderen. Da ist vor allem von Krise die Rede, von Finanzkrise, von Schuldenkrise, von Wirtschaftskrise. Fast alle Staaten, auch die grossen, sind überschuldet. Alle Staaten, auch die reichen, müssen sparen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend. Wie lange gibt es den Euro noch? Wie lange noch die EU?

... und die EU von aussen

Was aber denken die Menschen ausserhalb der EU? Ein Augenschein vor Ort zeigt es in aller Deutschlichkeit: Sie sehen es ganz anders. Sie sehen die positiven Seiten der EU. Sie sehen ihre funktionierenden Demokratien. Sie sehen vor allem den funktionierenden Rechtsstaat; eine Justiz, die diesen Namen verdient. Sie sehen die Industrien, die Schulen, die – alles in allem – doch blühende Wirtschaft.

Ein Um- und Einblick vor Ort

Ich weiss, wovon ich rede. Ich gehöre nicht zu jenen, die die Welt nur aus dem Fernsehen kennen. Und von den Beaches an der Costa Smeralda, in Antalya oder auf den Malediven. Ich habe auch im Ausland gearbeitet. Und auch jetzt weile ich nicht in Berlin, Paris oder London, sondern in Uzhgorod, der Hauptstadt von Transkarpatien, im Südwesten der Ukraine. Uzhgorod ist eine Stadt mit rund 100'000 Einwohnern. Hier leben Ruthenen, Russen, Ungaren, Rumänen, Slowaken, alle in der gleichen Stadt. Und sie alle möchten eines Tages nicht nur auf der Landkarte zu Europa gehören. Sondern auch im Leben, im Alltag!

Nein, diese Menschen wollen nicht zu Europa gehören, weil sie von unseren Sozialwerken profitieren wollen – oder gar um diese zu missbrauchen. Sie wollen arbeiten, ein paar Euros oder Franken nach Hause schicken, für die Familie, für die Verwandten. Sie möchten in einem Land leben, wo sie ihre Rechte haben, ihre Freiheit, wo sie eine Perspektive, eine Zukunft haben. Und diese Zukunft sehen sie nicht durch die Gesetze und Regulierungen aus Brüssel bedroht, im Gegenteil! Sie sehen ihre Zukunft durch diese Gesetze und Regulierungen aus Brüssel überhaupt erst möglich, als Garantie gegen die Willkür einzelner Repräsentanten ihres jetzigen Staates und gegen die allgegenwärtige Korruption.

Europa – für Viele ein Traumland

Die Europäische Union ist kein gescheitertes Projekt. 60 Jahre kein Krieg, keine Unterdrückung, keine politischen Gefangenen. Millionen von Menschen rund um Europa bewundern dieses Europa und haben einen Wunsch: in diesem Europa leben zu dürfen.

Die Menschen hier in Transkarpatien sind nicht nur freundlich. Sie sind betont warmherzig, sie geben Alles, um einem Gast eine Freude zu machen. Kein Wunder, dass in Deutschland, in der Schweiz, ja selbst in Italien immer mehr betagte oder  behinderte Leute eine Ukrainerin beiziehen, wenn es um die tägliche Pflege geht. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, die Sprachbarrieren zu überwinden.

Und die Schweiz?

Und was tun wir, wir Schweizerinnen und  Schweizer? Wir lästern über Europa, über die EU im Allgemeinen und über Brüssel im Besonderen. Und wir haben die Überheblichkeit zu meinen, unsere Ansicht sei objektiv, sei die einzig richtige.

Es lohnt sich, von Zeit zu Zeit selber nach aussen zu gehen, die Perspektive zu wechseln, die Dinge mit den Augen Anderer anzuschauen. Die Realität ist – fast immer – irgendwo dazwischen.

Dieser Beitrag ist erschienen am 4. Januar 2014 auf infosperber.ch.

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