Family Farming in Brasilien? Bauern ohne Land

                                                                     2014  
 
 

Bauern ohne Land

Auf unserer Website Family Farming in Brasilien? MST als Antwort... stellen wir in diesem Dossier die Bewegung MST vor. Wieso diese Bewegung "Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (MST)" so unterstützenswert ist, zeigt die nachfolgende Reportage unseres Präsidenten, Christian Müller. Er besuchte vor 25 Jahren in Brasilien Bauern ohne Land und zeigt ihr Elend auf in Wort und Bild.  

Brasilien ist eines der reichsten und eines der ärmsten Länder der Welt. 

 

 

Zwanzig Grossgrundbesitzern Brasiliens gehören zwanzig Millionen Hektar, ebenso viel wie den 3.3 Millionen Kleinbauern. Am unteren Ende der Gesellschaft stehen die Landarbeiter ohne Land. (Stand Sommer 2008) 

Die Fotos sind fünfundzwanzig Jahre alt. Viel hat sich seitdem dort nicht verändert. Die Alten sind gestorben, die Kinder von damals sind erwachsen. Und die Kinder von heute leben in der gleichen Armut wie damals ihre Eltern. Nebenstehendes Bild zeigt eine Hütte im Assentamento Reserva, den Landlosen vom Staat zugeteilt: Der Beginn der Zukunft?

  

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Die historisch bedingte, extrem einseitige Verteilung des Grundbesitzes und die daraus erfolgte Verelendung von Millionen von Landarbeitern ohne Land führte in Brasilien etwa ab Mitte des letzten Jahrhunderts zu einem Umdenken – nicht zuletzt in der katholischen Kirche. Dort artikulierte sich die neue Sicht der Dinge, mitgetragen vom Gedankengut des II. Vatikanischen Konzils, ab etwa 1960 in der sogenannten Befreiungstheologie (Leonardo Boffa, Helder Camara u.v.a.). 1984 kam es zur Gründung der politisch motivierten Landlosen-Bewegung, des "Movimento dos trabalhadores rurais sem terra".  

Die Landarbeiter ohne Land, kurz die Landlosen genannt, gingen bald einmal dazu über, unbebautes Land zu besetzen – mit wechselndem Erfolg: Meist wurden sie aus den von ihnen errichteten Camps, den Acampamentos, von die Polizei oder auch von den Pistoleros der Grossgrundbesitzer gleich wieder vertrieben. In einigen Fällen reagierte der Staat aber auch positiv und teilte ihnen unbewirtschaftetes Land zu. Dort entstanden dann die sogenannte Assentamentos, neue Siedlungen.  

Das hier wiedergegebene Bild aus dem Jahr 1988 ist im Campo Eré im Bundesstaat Santa Catarina in Südbrasilien aufgenommen. Grosse Überlebenschance hat dieses Kind nicht, ärztliche Betreuung gibt es im Campo eré nicht. Dieses Acampamento entstand, nachdem eine grosse Besetzungsaktion mit gegen 10'000 Landlosen und ihren Familien von der Polizei mit Waffengewalt beendet worden war. Etwa 3000 Beteiligte fanden auf dem Land eines nahegeleenen Bauern eine vorläufige Bleibe – ohne jede Perspektive.

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Einige Familien haben noch eine Matraze, andere schlafen auf ausgebreitetem Zeitungspapier: Mittagsschlaf in einer Hütte im Campo Reserva.

Körperpflege und Sauberkeit: Eine Frau im Campo Reserva versucht, die erworbene Kultur hinüberzuretten... 

 

 

Spielende Mädchen im Innern einer Hütte aus schwarzem Bau-Plastik: Im Campo Reserva dürfen sie bleiben... 

reserva3web.jpg                  Die Bilder oben zeigen das Assentamento Reserva im Bundesstaat Parana, ebenfalls im Süden Brasiliens. Hier erhielten die Landlosen vom Staat ein Stück Land zugeteilt. Doch was für Land: Das einzig zur Verfügung stehende Wasser kam aus einem Wasserloch von einem halben Quadratmeter Grösse, für die gegen 600 Camp-Bewohner bei weitem keine ausreichende "Wasserversorgung" (s. Foto auf der rechten Seite). Sollten sie bleiben, oder erneut eine Besetzung vornehmen?

Die einzige Unterstützung der "trabalhadores rurais sem terra", der Landarbeiter ohne Land, kam zu jener Zeit von der Kirche, von der lutheranischen wie auch von der katholischen. Im Campo Eré zum Beispiel lebten zwei Franziskanerinnen aus Italien, die sich wenigstens um die Kranken, Schwangeren und Neugeborenen kümmerten. Viel mehr als Aspirin und ein wenig Milchpulver allerdings hatten auch sie nicht zur Verfügung. Aber auch auf der politischen Ebene kämpfte die Kirche – damals – mit und verlangte nachdrücklich die längst überfällige Landreform. So wurde den Landlosen zur Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen oft auch die kirchliche Infrastruktur zur Verfügung gestellt, etwa Versammlungsräume für die Zusammenkünfte der Landlosen bzw. ihrer Anführer.

Der deutschstämmige Kardinal Aloisius Lorscheider in Fortaleza (Foto rechts) sagte damals in einem Interview: "Der Kirche ist erst seit einiger Zeit bewusst geworden, dass sie einen anderen Auftrag hat als nur 'geistlich' zu predigen, spirituell oder wie immer man das nennen mag. Sie hat zum Beispiel das Eigentum verteidigt, als ob es sich dabei um ein absolutes Recht handelte. Mit der Soziallehre ist nun bewusst geworden, dass es kein absolutes Recht auf Eigentum gibt." Dabei bezog sich Lorscheider auf die Enzyklika Populorum Progressio, die Sozialenzyklika von Papst Paul VI aus dem Jahr 1967, in der postuliert wurde, das Recht auf Privateigentum sei der weltwirtschaftlichen Gerechtigkeit zwischen den reichen und den armen Ländern unterzuordnen. (Lorscheider starb im Dezember 2013 im Alter von 83 Jahren.)

Kardinal Lorscheider gab Christian Müller im 1988 ein Interview, indem auch die Landreform angesprochen wurde.

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Und was ist aus all dem geworden? Eine Landreform ist in Brasilien bisher nicht zustandegekommen, auch unter dem sogenannt linken Staatspräsidenten Lula da Silva nicht. Die offizielle, von Rom aus dirigierte katholische Kirche hat sich aus dem sozialen Engagement in Südamerika weitestgehend verabschiedet. Führende Befreiungs­theologen, nicht zuletzt Leonardo Boffa, wurden formell aus dem (kirchlichen) Verkehr gezogen. Er publiziert seither ohne den Segen aus der Kurie. 

Geblieben sind die Probleme: Millionen von Landarbeitern ohne Land, deren Kinder ohne jede Perspektive, deren Camps, und auch der Hunger. Geblieben sind allerdings auch die Kämpfer für mehr Gerechtigkeit, auch heute noch viele aus kirchlichen Kreisen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Text und Bilder: Christian Müller

 
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